Die Fliege setzte sich auf den Rand des Maßbands, putzte sich die Vorderbeine und flog davon. Lea sah ihr nach.
„Schon wieder.“
Valerie hielt den Stift über dem Aufnahmebogen. „Was?“
„Die landen alle hier draußen.“
Lea hockte auf dem Kies, ein Knie gegen die Brust gezogen. Der andere Fuß stand neben dem weißen Rahmen, den sie am Rand der Pflanzfläche ausgelegt hatten. Innerhalb des Quadrats wuchsen Maiglöckchen so dicht, dass ihre Blätter einander überlagerten. Dazwischen hingen weiße Blüten. Einige berührten beinahe den Boden.
Valerie wartete, bis die Fliege wieder auftauchte. Sie kam von links, zog einen Bogen über Leas Rucksack und verschwand in Richtung Mauer.
„Vielleicht ist es ihr hier zu langweilig“, sagte sie.
Lea lächelte nicht. Sie hatte das Maßband noch immer in der Hand.
„Am nächsten Beet sitzen sie sogar auf dem Messgerät. Hier ist seit zehn Minuten keine einzige im Rahmen gewesen.“
Valerie setzte hinter den Deckungsgrad ein Fragezeichen. Dann legte sie den Stift quer über das Papier und sah genauer hin.
Es war ein warmer Maitag, feucht genug, dass ihr Hemd seit dem Vormittag zwischen den Schulterblättern klebte. Über den Wegen standen kleine Schwärme im Licht. Aus der Krone eines Baumes kam ein Vogelruf, weiter hinten schlug ein Werkzeug gegen Metall. Sie hatten heute schon zweimal warten müssen, bis Spaziergänger aus einem Bild gegangen waren. Ein Mann hatte gefragt, ob die Pflanzen krank seien. Valerie hatte erklärt, dass sie den Bestand erfassten. Er hatte genickt und war eine Weile geblieben, als müsse eine Bestandsaufnahme irgendwann etwas Sehenswertes hervorbringen.
Jetzt waren sie allein an der Fläche.
Valerie zählte langsam bis dreißig. Nichts bewegte sich zwischen den Blättern. Die Blüten standen offen, der Boden war stellenweise feucht. Direkt neben ihrem Schuh schob eine Ameise ein helles Teilchen über den Kies. Sie gelangte bis an die steinerne Einfassung, lief daran entlang und verschwand in einer Fuge.
„Schreib es dazu“, sagte Valerie.
„Fehlende Insektenaktivität?“
„Während des Beobachtungszeitraums. Nicht generell.“
Valerie hörte selbst, wie scharf das letzte Wort gewesen war. Lea hatte nichts Falsches gesagt.
»Während des Beobachtungszeitraums«, wiederholte Lea und schrieb es auf. Sie ließ zwischen den Wörtern Platz. Valerie wollte sich entschuldigen und prüfte stattdessen die nächste Zeile.
Lea zog ihr Notizbuch heran. Das Maßband rollte sich mit einem leisen Rattern ein.
Der Geruch war Valerie schon beim Herkommen aufgefallen. Zunächst hatte sie sich darüber gefreut. Nach einer Woche zwischen Büro, Bahn und den aufgeheizten Fluren des Instituts war selbst der feuchte Erdgeruch angenehm gewesen. Hier an der Mauer aber lag die Süße so schwer in der Luft, dass sie einen Geschmack bekam. Valerie strich mit der Zunge über den Gaumen. Der Kaffee von vorhin war verschwunden. Übrig blieb etwas, das sie an das Blumenwasser in einem zu lange benutzten Glas erinnerte.
Sie stand auf, trat zwei Schritte zurück und atmete durch den Mund.
„Alles gut?“, fragte Lea.
»Convallaria majalis«, sagte Valerie. Dann sah sie Leas Gesicht. »Entschuldige. Nur ein bisschen viel Duft.«
Lea kannte den Namen längst. In der ersten Woche hatte Valerie ihr sogar eine richtige Beschriftung verbessert. Am nächsten Morgen hatte sie den Bogen zurückgegeben. Lea hatte nichts dazu gesagt.
Sie rieb sich oberhalb der linken Augenbraue. Dort hatte sich ein dünner Schmerz festgesetzt. Er war nicht stark genug, um eine Tablette zu rechtfertigen, aber er blieb bei jeder Bewegung des Kopfes an derselben Stelle.
Lea sah auf die Uhr. „Wir können erst die andere Reihe machen.“
„Wir sind gleich durch.“
Valerie nahm das Tablet aus der Tasche und rief den Lageplan auf. Die Markierung lag an der ehemaligen Arkadenlinie, knapp innerhalb der für ihre Untersuchung freigegebenen Fläche. In der darübergelegten historischen Zeichnung verlief hier eine regelmäßige Folge von Bögen. Vor ihnen stand Mauerwerk. Valerie schaltete die Zeichnung aus. Die zusätzliche Geometrie störte sie bei der Orientierung im heutigen Bestand.
An der Mauerecke stand eine schmale Grabplatte, deren rechter Rand fehlte. Über der ausgewaschenen Namenszeile war ein kleiner Stern eingehauen. Seine untere Spitze war abgesplittert. Von dort lief ein Riss schräg bis in die letzte Schriftzeile.
Valerie las zwei Wörter: WAS IHR. Danach war der Stein glatt. Am unteren Ende des Risses lag ein rundes Loch, kaum größer als eine Erbse.
Sie nahm die Platte ins Übersichtsfoto auf. Für die spätere Zuordnung schrieb sie die beiden Wörter auf den Aufnahmebogen. Lea hielt den Maßstab daneben.
»Mehr steht da nicht?«
»Mehr kann ich nicht lesen«, sagte Valerie. Sie strich das Fragezeichen hinter den Wörtern wieder aus. Unleserlich war kein Zweifel an der Schrift, sondern eine Grenze ihrer Aufnahme.
„Noch das Übersichtsfoto, dann die Senke.“
Lea erhob sich und klopfte den Staub von der Hose. „Welche Senke?“
Valerie deutete auf die Stelle hinter dem Rahmen. Von oben war nur zu erkennen, dass die Blätter dort etwas tiefer standen. Sie hatte es zunächst für eine Lücke im Bewuchs gehalten. Jetzt fiel das Licht schräg genug ein, um den Rand der Vertiefung sichtbar zu machen.
Lea ging seitlich daran vorbei, ohne die Einfassung zu übertreten. „Die ist groß.“
Valerie holte die Kamera. Während sie den Ausschnitt festlegte, bemerkte sie, wie unregelmäßig die Fläche tatsächlich war. Die Vertiefung zog sich von einem breiten, gerundeten Ende in einen schmaleren Abschnitt. Einige Stängel wuchsen gekippt aus der Erde, als sei ihr Untergrund nachträglich abgesackt.
Sie machte zwei Aufnahmen, eine mit Maßstab.
„Sieht aus, als hätte da jemand gelegen“, sagte Lea.
Valerie senkte die Kamera.
„Da vorne. Wie eine Schulter.“ Lea hob ihre eigene ein wenig an, um zu zeigen, was sie meinte. „Und da geht es weiter.“
Jetzt sah Valerie es ebenfalls. Der vordere Bogen hatte die ungefähre Breite eines menschlichen Oberkörpers. Daneben lag eine kleinere Mulde. Sobald sie diese als Abdruck eines Kopfes verstand, ordnete sich der Rest von selbst.
Sie ging einen Schritt zur Seite. Aus dem anderen Winkel zerfiel die Gestalt in ungleichmäßige Blattstände.
„Wir dokumentieren eine Bodensenkung.“
„Ich wollte auch nicht Leichenabdruck schreiben.“
„Gut.“
Lea blickte zu ihr auf. Valerie bemerkte den Ton erst jetzt.
„Entschuldige. Der Geruch geht mir auf den Kopf.“
„Mir auch.“
Sie arbeiteten seit drei Monaten zusammen. Lea war im vorletzten Semester, stellte mehr Fragen als Valeries frühere Hilfskräfte und ließ sich mit Antworten nicht abspeisen, die nur nach Antworten klangen. Valerie hatte sie gerade deshalb eingestellt. Wenn sie einen Fehler machte, wollte sie jemanden neben sich haben, der ihn bemerkte, bevor er in einen Bericht gelangte.
Leas Ungeduld erinnerte sie an ihre Mutter. Das habe ich jetzt noch immer nicht verstanden, hatte die gesagt, wenn Valerie ein Fachwort benutzte. Seit sechs Jahren hatte niemand mehr so mit ihr gesprochen.
Valerie hatte die Telefonnummer erst vor wenigen Monaten aus den Favoriten gelöscht. Im Adressbuch stand sie noch. Es war einfacher gewesen, sie stehen zu lassen, als zu entscheiden, an welchem Tag sie dort nicht mehr hingehörte.
Hinter ihnen knirschten Räder auf dem Weg. Ein älterer Gartenarbeiter zog einen flachen Wagen mit Säcken und zwei langstieligen Geräten hinter sich her. Er blieb stehen, um einen verrutschten Stiel zwischen den Säcken festzustecken. Auf seinem Unterarm glänzten Schweiß und helle Staubstreifen.
„Sinkt wieder ein?“, fragte er.
Valerie wandte sich um. „Sie kennen die Stelle?“
Er stellte den Wagen ab und kam bis neben die Kamera. Er brauchte nicht zu fragen, wohin er sehen sollte.
„Im Frühjahr richten wir es her. Irgendwann ist es wieder so.“
„Seit wann?“
Er überlegte. „Ein paar Jahre. Vielleicht länger. Ich bin nicht immer in dem Abschnitt.“
„Wissen Sie, ob es dazu Unterlagen gibt?“
„In der Pflege müssten sie was haben. Erde kommt jedenfalls drauf. Ist ja kein Loch, wo einer reinfallen soll.“
Valerie öffnete ein neues Notizfeld. „Und Sie vermuten einen Hohlraum?“
„Hier war genug drunter und drüber.“ Er sah an der Mauer entlang. „Alte Fundamente, was weiß ich. Da müssten Sie die Bauleute fragen.“
Er sagte es ohne Geheimniskrämerei. Für ihn war die Senke eine Stelle, an der Arbeit wiederkehrte. Valerie fragte nach seinem Namen, notierte ihn und wiederholte die Angaben, damit er sie korrigieren konnte. Er schob die Unterlippe vor, als sie das Wort regelmäßig verwendete.
„Wenn wir dazukommen. Regelmäßig klingt so nach jeden Dienstag.“
Sie änderte es.
Als er den Wagen wieder aufnahm, streifte einer der Gerätestiele die Einfassung. Es gab einen kurzen, harten Laut. Die nächstgelegenen Blätter zitterten.
Valerie sah hin. Der Stiel hatte den Stein getroffen, nicht die Pflanzen. Dennoch lief eine Bewegung durch den Bestand, erst unmittelbar an der Kante, dann tiefer in der Fläche. Drei weiße Blüten verschwanden unter einem Blatt und kamen langsam wieder hervor.
„Lockere Steine“, sagte der Mann. Er zog den Wagen weiter.
Lea sah Valerie an.
„Hast du das gesehen?“
„Ja.“
Valerie kniete sich auf die Matte, die Lea ihr zuschob. Die Einfassung ließ sich mit der behandschuhten Hand nicht bewegen. Sie drückte vorsichtig gegen die Oberkante. Im Beet blieb alles still.
„Vielleicht lag der Stiel doch auf einem Blatt“, sagte sie.
Lea antwortete nicht sofort. „Vielleicht.“
Valerie schrieb die Beobachtung unter die anderen. Keine Erklärung dazu. Sie hatte sich angewöhnt, Erklärungen erst dann in ihre Feldnotizen zu setzen, wenn sie sie von dem unterscheiden konnte, was sie tatsächlich gesehen hatte.
Ein Windstoß ging durch die Bäume. Blätter raschelten über ihnen, und Leas Aufnahmebogen hob sich an einer Ecke. Sie legte das Notizbuch darauf. In der Senke bewegte sich nichts.
Valerie blickte noch einmal auf den Plan. Die vorgesehene oberflächennahe Bodenprobe lag am Rand des Bewuchses, außerhalb der tiefsten Stelle. Den Zugang hatte sie in der Vorbesprechung mit der zuständigen Stelle abgestimmt. Für größere Eingriffe galt ein Stopp, ebenso bei Hinweisen auf menschliche Überreste oder bauliche Hohlräume. Sie wollte hier nichts freilegen, was nicht zu ihrer Untersuchung gehörte.
Sie markierte die Senke und schob den Probenpunkt ein Stück zurück auf die sichere Wegseite.
„Wir sehen uns nur den Rand an. Wenn da was nachgibt, hören wir auf.“
Lea holte die kleine Materialkiste. „Und wenn darunter noch mehr Maiglöckchen sind?“
„Dann tragen wir noch mehr Maiglöckchen ein.“
Diesmal lächelte Lea.
Valerie trank. Das warme Wasser trug den Geschmack nur tiefer in den Mund. Sie schraubte die Flasche zu, zog die Handschuhe glatt und beugte sich über die Einfassung.
Unter dem angehobenen Blatt verlief ein weißer Faden quer über die Erde und verschwand auf beiden Seiten im Bewuchs. Valerie hielt ihn für eine Wurzel, bis ihr Schatten darüberfiel. In der Mitte lag er nicht auf dem Boden.