Stefan SchweizerAUTOR · BÜCHER · PERSPEKTIVEN
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Halloween & Grusel · 07 / 10

Der See zeigt dir nur die Oberfläche.

Wasser kann eine Landschaft öffnen und gleichzeitig verbergen, was direkt vor uns liegt.

Stefan Schweizer · · ca. 2 Minuten Lesezeit

Ein weiter Blick mit einer Grenze

An einem See kann der Blick weit gehen. Zum anderen Ufer, zu einer Insel, zu den Wolken, die sich im Wasser spiegeln. Diese Weite hat eine eigentümliche Grenze: Was knapp unter der Oberfläche liegt, kann uns trotzdem verborgen bleiben.

Für eine Geschichte ist das eine spannende Anordnung. Wir sehen viel und wissen wenig. Ein Boot lässt sich beobachten, bis es im Nebel verschwindet. Eine Bewegung im Wasser ist sichtbar, ihre Ursache bleibt offen. Die Landschaft liefert Bilder und hält gleichzeitig Informationen zurück.

Drei verschiedene Fragen an das Wasser

„Der See vergisst nicht“ versammelt drei Geschichten aus dem Chiemgau. In „Der Frevelfischer“ findet Lena Brandner nach dem Tod ihrer Großmutter ein altes Tagebuch. Eine Warnung, ein schwarzer Kahn und ein näher rückender Karfreitag bilden den Einstieg.

In „Der Krautgarten“ bleiben Nora Wieland zwölf Tage für eine Grabung auf der Krautinsel. Ihre Funde passen nicht in den Bericht, den sie schreiben soll. „Was der See behält“ führt Marlene Aigner zu einem Goldkessel. Der gut bezahlte Auftrag lässt eine Frage offen: Wofür wurde dieser Gegenstand gemacht?

Ein Tagebuch, eine Grabung, eine Begutachtung: Alle drei Ausgangspunkte haben mit dem Lesen von Spuren zu tun. Die Figuren versuchen, etwas Vorhandenes zu verstehen. Gerade darin liegt die Gefahr ihrer Aufgaben.

Was wir an die Oberfläche holen

Ein Fund verändert sich, sobald jemand ihn einordnet. Er kann Familiengeschichte werden, Forschungsgegenstand oder Ware. Damit kommen Erwartungen ins Spiel. Jemand möchte eine Antwort, ein Ergebnis, einen Wert. Eine unbequeme Herkunft kann diesen Erwartungen im Weg stehen.

Beim Lesen lohnt es sich deshalb, nicht nur auf den rätselhaften Gegenstand zu achten. Wer möchte, dass er auf eine bestimmte Weise verstanden wird? Wer stellt Fragen? Wer würde am liebsten mit der nächsten Aufgabe fortfahren?

Der See gibt diesen Konflikten einen Raum, in dem Sichtbarkeit und Verbergen unmittelbar nebeneinanderliegen. Du kannst die Oberfläche lange betrachten. Was sie zeigt, ist real innerhalb der Szene. Was sie nicht zeigt, bleibt eine offene Frage. Genau dort beginnt das Weiterlesen.

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