Stefan SchweizerAUTOR · BÜCHER · PERSPEKTIVEN
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Du darfst schlecht darin sein.

Wann hast du zuletzt etwas gemacht, ohne erst zu prüfen, ob du es kannst? Eine Einladung zu einem Anfang, der niemanden beeindrucken muss.

Stefan Schweizer · ca. 4 Minuten Lesezeit

Der Satz vor dem Anfang

Du siehst jemanden zeichnen. Nur ein paar Linien, eine Tasse, ein Schatten. Für einen Moment denkst du: Das würde ich auch gern machen. Dann kommt der zweite Gedanke: Ich kann überhaupt nicht zeichnen. Die Sache ist erledigt, noch bevor ein Stift auf dem Tisch liegt.

Ähnlich geht es mit dem Singen, dem Tanzen, dem Schreiben. Es wäre interessant. Vielleicht sogar schön. Aber irgendwo sitzt bereits jemand mit einem Bewertungsbogen. Oft bist du es selbst.

Dabei ist noch gar nichts passiert. Kein schiefer Ton, kein ungelenker Satz. Du hast lediglich beschlossen, dass das mögliche Ergebnis den Versuch nicht rechtfertigt.

Ein Hobby mit Aufnahmeprüfung

Im Beruf hat Können einen guten Grund. Wer eine Brücke plant, sollte wissen, was sie trägt. Wer Verantwortung übernimmt, muss sich an Ergebnissen messen lassen. Nur wandert dieser Maßstab manchmal unbemerkt mit nach Hause.

Dann braucht auch die freie Stunde einen Nachweis. Das Foto soll vorzeigbar sein. Der Lauf eine ordentliche Zeit haben. Selbst das Brot soll aussehen, als wäre es für ein Kochbuch gebacken worden. Und wenn es das nicht tut, war die Zeit offenbar schlecht investiert.

Vielleicht war das Brot aber warm. Vielleicht hat der Teig an deinen Händen geklebt, und du hast eine halbe Stunde lang an etwas anderes gedacht als an deine Aufgaben. Das steht später auf keinem Bild. Es kann trotzdem der beste Teil gewesen sein.

Freude braucht keine Aufnahmeprüfung. Du darfst singen, weil du dieses Lied magst. Ein schiefer Ton nimmt dir das Lied nicht weg.

Die erste Version darf klein bleiben

„Ich bin dafür nicht der Typ“ klingt nach einer ziemlich gründlichen Selbsterkenntnis. Manchmal steckt dahinter allerdings nur eine alte Erfahrung. Eine Bemerkung aus der Schule. Ein missglückter Versuch. Eine Situation, in der jemand gelacht hat.

Solche Erinnerungen lassen sich nicht auf Kommando abschütteln. Du musst auch niemandem beweisen, dass sie dich nicht mehr berühren. Aber vielleicht kannst du einen neuen Versuch so klein machen, dass er neben die alte Geschichte passt.

Kein Zeichenkurs, keine neue Ausrüstung, kein öffentlich angekündigtes Projekt. Ein Stift, der ohnehin da ist. Die Rückseite eines Umschlags. Fünf Minuten. Du zeichnest die Tasse vor dir. Der Henkel sieht aus wie ein müdes Ohr. Die Tasse kippt. Sie darf.

Du kannst das Blatt danach weglegen. Niemand muss es sehen. Du musst es nicht einmal mögen. Interessant ist zunächst nur, ob du gern noch eine Linie gezogen hättest.

Neugier statt Zwischenzeugnis

Natürlich darfst du besser werden wollen. Üben kann Freude machen, und ein gelungener Moment fühlt sich gut an. Nur muss das Können nicht schon am Eingang stehen und entscheiden, ob du überhaupt hinein darfst.

Nach dem Versuch könntest du deshalb eine andere Frage stellen. Nicht sofort: War das gut? Sondern: Was habe ich bemerkt?

Vielleicht war die Tasse schwieriger als erwartet. Vielleicht hast du genauer hingesehen als sonst. Vielleicht warst du ungeduldig. Oder du hast festgestellt, dass Zeichnen dich tatsächlich nicht besonders interessiert. Auch das ist eine brauchbare Auskunft. Jetzt beruht sie auf einer Erfahrung.

Du musst daraus keine neue Gewohnheit machen. Der Versuch schuldet dir keinen Lebenswandel.

Zehn Minuten, die nichts werden müssen

Denk an eine harmlose Sache, die dich reizt und die du dir regelmäßig ausredest. Etwas ohne Publikum, ohne große Anschaffung, ohne Verpflichtung. Schreib einen Absatz. Sing ein Lied. Zeichne den Blick aus deinem Fenster.

Gib dir zehn Minuten. In dieser Zeit wird nichts veröffentlicht und nichts benotet. Wenn du merkst, dass du innerlich schon eine Bewertung formulierst, mach trotzdem den nächsten kleinen Schritt: noch einen Satz, noch einen Ton, noch eine Linie.

Danach entscheidest du, ob du weitermachen möchtest. Vielleicht ja. Vielleicht an einem anderen Tag. Vielleicht überhaupt nicht.

Die Tasse auf dem Papier darf schief bleiben. Du hast angefangen.

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