EINLEITUNG · AUSZUG
Vierzig Sekunden
Der Kauf, um den es hier geht, hat vierzig Sekunden gedauert. Er ist unspektakulär genug, dass du ihn diese Woche vermutlich schon einmal gemacht hast.
Donnerstagabend, 22:31. Du liegst auf dem Sofa, das Telefon in der Hand, ohne Vorhaben. Zwischen zwei Videos steht eine Anzeige. Es ist eine Lampe: schmal, warmes Licht, jemand liest darunter in einem Sessel, der aufgeräumter ist als deiner. 54,90 Euro. Daneben, durchgestrichen: 89,90. Darunter drei Zeilen, die du nicht bewusst liest.
Nur noch 3 auf Lager.
Angebot endet in 04:12:38.
Versand kostenlos.
Vierzig Sekunden später ist die Lampe bestellt.
Nichts daran ist ungewöhnlich, und genau deshalb steht es hier. Der Vorgang besteht aus sechs Teilen. Jeder einzelne davon ist das Ergebnis von Arbeit, die jemand bezahlt hat — von Ingenieurinnen, Juristen, Verhaltensforschern, Zahlungsdienstleistern, Produktmanagerinnen. Die meisten von ihnen kennen einander nicht. Keiner von ihnen hat an dich gedacht.
VORWORT · AUSZUG
Dieses Buch sollte ein anderes werden.
Dieses Buch sollte ein anderes werden.
Ich hatte die These, bevor ich die erste Zeile geschrieben hatte, und sie war die übliche: Uns wurde etwas angetan. Eine Industrie hat gelernt, Wünsche herzustellen, wir laufen seitdem hinterher, und wer das durchschaut, ist einen Schritt weiter. Für diese These brauchte ich keine Recherche. Ich brauchte nur Belege.
Also fing ich an, welche zu sammeln, und begann mit der berühmtesten Zahl des Themas: Die Modeindustrie verursache zehn Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen. Der Satz steht in Zeitungen, in Dokumentationen, in Unterrichtsmaterial, auf den Seiten großer Umweltorganisationen. Ich wollte nichts weiter als die Fußnote dazu.
Es gibt keine.
Die Zahl lässt sich bis zu einer Pressemitteilung der Vereinten Nationen von 2018 zurückverfolgen. Die zitiert eine UN-Wirtschaftskommission. Die nennt keine Quelle. Wer die belastbaren Schätzungen nachrechnet, landet bei zwei bis vier Prozent. Das ist immer noch eine große Zahl. Sie ist nur nicht die, die überall steht.
Ich hielt das für einen Ausrutscher und prüfte die nächste: siebentausend Liter Wasser für eine Jeans. Die Ökobilanz des Herstellers, der die bekannteste Jeans der Welt produziert, weist 3.781 Liter aus, und ein knappes Viertel davon entsteht in der Waschmaschine des Käufers. Danach die übernächste: Mode sei die zweitschmutzigste Industrie der Welt nach Öl. Eine amerikanische Journalistin hat 2017 versucht, den Ursprung dieses Satzes zu finden. Es gibt keinen.
Irgendwann war klar, dass ich es nicht mit Ausrutschern zu tun hatte, sondern mit einem Muster — und dass dieses Muster ausgerechnet dort am stärksten ausgeprägt ist, wo ich es am wenigsten erwartet hatte: auf meiner eigenen Seite. Das berühmteste Zitat der Konsumkritik, jener Absatz von 1955, mit dem dieses Buch anfängt, hat nie das bedeutet, was in seinem Namen behauptet wird. An diesem einen Kapitel habe ich länger gearbeitet als an jedem anderen. Es hat meine These nicht bestätigt. Es hat sie ersetzt.
Der Grund dafür ist unangenehm, und er gilt für beide Seiten. Erzählungen setzen sich nicht durch, weil sie zutreffen. Sie setzen sich durch, weil sie funktionieren. Eine Zahl, die empört, wird weitergereicht. Eine Zahl, die differenziert, bleibt liegen. Nach vier Weitergaben ist aus einer Schätzung eine Tatsache geworden, und niemand hat dabei gelogen. Falls du eine dieser Zahlen selbst schon einmal weitergegeben hast: Ich auch. Zwei davon standen in früheren Fassungen dieses Buches.
An dieser Stelle hätte ich aufhören können nachzuprüfen. Es wäre das lautere Buch geworden. Die falschen Zahlen sind größer, runder und leichter zu merken, sie passen besser auf ein Plakat, und sie hätten sich besser verkauft.
Stattdessen habe ich vier Regeln aufgeschrieben.
Erstens. Jede Zahl in diesem Buch hat eine Quelle, und die steht in den Anmerkungen. Es sind knapp fünfhundert. Du musst sie nicht lesen. Sie sind da, damit du es könntest.
Zweitens. Wenn eine gute Geschichte der Prüfung nicht standhält, fliegt sie raus — auch dann, wenn sie meine These stützt. Das betrifft mehr Geschichten, als mir lieb war. Es betrifft die Hausfrau, die angeblich ein frisches Ei aufschlagen musste, damit sich Backmischungen verkaufen. Es betrifft die jungen Frauen, die 1929 auf der Fifth Avenue Zigaretten anzündeten und damit angeblich eine Generation zum Rauchen brachten. Und es betrifft drei populäre Zahlen, die deshalb gar nicht erst auftauchen. Nicht die drei vom Anfang dieses Vorworts — die kommen in Kapitel 6 vor, weil ihre Widerlegung dort etwas erklärt. Drei andere.
Drittens. Wo die Forschung dünn, umstritten oder nicht wiederholbar ist, steht das im Text und nicht in einer Fußnote. Das passiert in diesem Buch häufiger, als es in Sachbüchern üblich ist, und es passiert in beide Richtungen. Mehrere Studien, auf die sich die Kritik am Konsum gern stützt, halten einer Nachprüfung nicht stand. Mehrere Befunde, die dieser Kritik widersprechen, ebenfalls nicht.
Viertens. Kein goldenes Zeitalter. Die Vergangenheit, auf die sich diese Art Buch gern beruft, war ärmer, enger und schlechter ausgestattet, als die Erzählung von ihr behauptet. Wer den Leuten von 1955 nacheifern möchte, sollte wissen, dass vier von fünf westdeutschen Wohnungen damals kein Bad hatten und dass diese Leute anteilig weniger sparten als wir heute.
Was das kostet, will ich nicht verschweigen. Dieses Buch empört weniger als andere Bücher über Konsum. Es hat keinen Bösewicht, es endet nicht mit einem Aufruf, und an einigen Stellen sagt es, dass sich etwas, das alle zu wissen glauben, nicht belegen lässt. Wer ein Buch sucht, das die Wut ordnet, die er schon mitbringt, wird hier nicht glücklich.
Was es dafür anbietet, ist ein Befund, der schwerer auszuhalten ist als jede Verschwörung — weil er niemanden hat, den man zur Rechenschaft ziehen könnte, und weil er trotzdem nicht folgenlos bleibt.
Drei Auskünfte noch, dann fängt es an.
Ich bin kein Ökonom, kein Soziologe, kein Psychologe. Ich habe nichts erforscht. Ich habe nachgeschlagen, verglichen und die Leute gelesen, die geforscht haben. Wo sie einander widersprechen, steht der Widerspruch im Text, und wo ich mich zwischen ihnen entscheiden musste, sage ich das dazu.
Der Rechts- und Datenstand ist August 2026. Das ist vor allem für Kapitel 11 wichtig, in dem es um Fristen, Rechte und Voreinstellungen geht. Solche Dinge ändern sich, und ein Ratschlag mit abgelaufener Rechtsgrundlage ist schlimmer als gar keiner. Prüf im Zweifel nach oder frag bei einer Verbraucherzentrale.
Und dann ist da noch die Sache mit diesem Buch selbst. Es hat einen Umschlag, der dich dazu bringen sollte, es in die Hand zu nehmen. Es hat einen Titel, der auf Widerspruch angelegt ist. Es steht in einem Regal neben anderen Büchern, die dasselbe Thema haben und dieselbe Aufmerksamkeit wollen, und es hat sie bekommen, sonst läsest du das hier nicht. Ein Buch über Aufmerksamkeitswettbewerb, das sich außerhalb dieses Wettbewerbs stellt, wäre gelogen.
Dagegen kann ich dir nur eines anbieten, und es ist ein schwaches Angebot, aber das einzige ehrliche:
Die Quellen stehen hinten. Sieh nach, ob ich dich anlüge.