Stefan SchweizerAUTOR · BÜCHER · PERSPEKTIVEN
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Halloween & Grusel · 06 / 10

Ein Friedhof mitten im Alltag.

Draußen läuft die Stadt weiter. Hinter einer Mauer verändert sich, worauf du achtest.

Stefan Schweizer · · ca. 2 Minuten Lesezeit

Nur wenige Schritte entfernt

Für manche Gruselgeschichten muss eine Figur weit reisen. Ein anderes Land, eine einsame Insel, ein schwer erreichbares Gebäude. Ein Friedhof mitten in einer Stadt stellt eine andere Frage: Wie kann etwas so nah sein und sich trotzdem so weit entfernt anfühlen?

Du gehst durch ein Tor. Der Verkehr ist noch zu hören, aber dein eigener Schritt tritt deutlicher hervor. Du liest Namen, die du sonst nie lesen würdest. Ein Datum auf einem Stein hält dich kurz fest. Die Veränderung beginnt mit Aufmerksamkeit, lange bevor eine Geschichte etwas Unmögliches geschehen lässt.

Menschen, die etwas herausfinden wollen

Im Buch „Alter Münchner Südfriedhof“ begegnen wir Menschen, die dort arbeiten, untersuchen oder helfen. Eine Botanikerin erfasst einen Pflanzenbestand. Ein Student vermisst Mauern. Ein Restaurator bleibt bei einem beschädigten Malereirest. Ihre Aufgaben geben ihnen einen nachvollziehbaren Grund, genauer hinzusehen.

Das ist für den Aufbau der Spannung ergiebig. Wer etwas vermisst, bemerkt einen Raum, der nicht in den Plan passt. Wer Pflanzen untersucht, nimmt eine ungewöhnliche Probe ernst. Die jeweilige Fachkenntnis öffnet einen Zugang zum Ort und macht Abweichungen sichtbar.

Die Figuren betreten also keine bloße Kulisse. Sie bringen Fragen und Werkzeuge mit. Der Schrecken beginnt dort, wo ihre Beobachtungen nicht mehr zu den Erklärungen passen, auf die sie sich bisher verlassen konnten.

Ein wirklicher Ort, erfundene Geschichten

Die Erzählungen sind literarische Fiktion. Ihre unheimlichen Vorgänge gehören in die Bücher. Gerade bei einem realen Friedhof ist diese Unterscheidung wichtig: Für Besucher und Angehörige ist er auch ein Ort des Erinnerns und der Ruhe.

Als Leser kannst du dich trotzdem auf die Verschiebung einlassen, die Literatur möglich macht. Dieselbe Mauer kann in einer Geschichte Schutz versprechen und wenige Seiten später Enge bedeuten. Eine Blüte kann zuerst schön sein und dann eine Frage auslösen. Ein alltäglicher Arbeitsauftrag kann eine Tür öffnen, die vorher niemand bemerkt hat.

Vielleicht liegt darin der besondere Reiz dieses Schauplatzes: Die Stadt muss nicht verschwinden, damit das Unheimliche Platz findet. Es genügt, dass jemand ein paar Schritte zur Seite geht und etwas zu genau betrachtet.

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