Stefan SchweizerAUTOR · BÜCHER · PERSPEKTIVEN
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Perspektiven

Reparieren heißt hinsehen.

Der lockere Griff, die offene Naht, das wackelnde Regal: Manche Dinge brauchen zuerst unsere Aufmerksamkeit.

Stefan Schweizer · ca. 2 Minuten Lesezeit

Der Griff in der Schublade

Der Griff liegt seit Wochen neben dem Besteck. Er gehört an die Schublade darunter. Zum Öffnen greifst du inzwischen an die Kante. Anfangs war das umständlich, jetzt geht es beinahe automatisch. Wenn Besuch kommt, erklärst du kurz, wie es funktioniert.

Merkwürdig eigentlich: Für die kleine Reparatur fehlt die Zeit. Für den Umweg ist jeden Tag welche da. Und irgendwann suchst du im Internet nach einer neuen Kommode. Die alte hat schließlich ihre Macken.

Solche Situationen sind leicht zu belächeln, solange man vor der Schublade eines anderen steht. Bei den eigenen Dingen sieht es anders aus. Da hängt an der losen Schraube noch ein ganzer Nachmittag, den man sich dafür freihalten müsste. Glaubt man jedenfalls.

Erst einmal umdrehen

Vielleicht besteht der erste Schritt darin, den Griff anzusehen. Ihn umzudrehen. Zu prüfen, ob etwas fehlt oder nur locker geworden ist. Noch keine Werkzeugausrüstung bestellen, keine große Rettungsaktion ankündigen. Eine kleine Bestandsaufnahme genügt.

Dabei erfährst du etwas über den Gegenstand, den du täglich benutzt. Wie er zusammengesetzt ist. Wo er belastet wird. Vielleicht auch, warum die schnelle Lösung beim letzten Mal nicht gehalten hat. Aus der namenlosen Macke wird ein bestimmtes Problem.

Es kann sein, dass du Hilfe brauchst. Es kann sein, dass eine Reparatur zu teuer wird oder bei diesem Gegenstand keinen Sinn ergibt. Elektrische Geräte verlangen anderes Wissen als ein Möbelgriff. Hinsehen verpflichtet dich zu keinem Heldentum. Es macht deine nächste Entscheidung lediglich genauer.

Eine Naht, die man sehen darf

An einer ausgebesserten Jacke bleibt manchmal eine Spur. Eine kleine Naht, ein andersfarbiger Flicken. Sie erzählt von Gebrauch. Von einem Moment, in dem jemand entschieden hat, dass dieses Stück noch mitkommen soll.

Wir sind daran gewöhnt, die glatte Oberfläche als Ideal zu betrachten. Doch gerade die vertrauten Gegenstände passen oft schon gut in unser Leben. Wir wissen, welche Tasche klemmt und wie die Tasse in der Hand liegt. Das ist ein Wert, der auf keinem Preisschild steht.

Such dir eine einzige kleine Macke aus, die dich seit Längerem begleitet. Schau nach, was sie tatsächlich braucht. Danach darfst du entscheiden: selbst versuchen, jemanden fragen, bewusst ersetzen oder vorerst damit leben. Vielleicht dauert die Sache länger als gedacht. Vielleicht hältst du fünf Minuten später eine Schraube fest und wunderst dich über die letzten drei Monate.

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