G / WSTEFAN SCHWEIZER
GRAUEN IM BAYERISCHEN WALD
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Atmosphärisches Motiv zu Das Mahlwerk
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ERZÄHLUNG 02 / 05 · Unter deinen Füßen hört etwas zu

Das Mahlwerk

Manche Dinge lassen sich öffnen. Aber nicht mehr erklären.

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Verlassenes Dorf · Körperhorror · Erinnerung

Du weißt, dass es nicht dein Kind ist. Würdest du trotzdem loslassen?

Ein verlassenes Dorf. Eine Untersuchung des Bodens. Ein Stein, den Thomas besser nicht bewegt hätte. Als in seinen Stiefeln weißer Sand liegt und unter den Dielen die Stimme seiner Tochter spricht, reichen seine guten Erklärungen nicht mehr aus.

LESEPROBE

02

Der Anfang.
Das Ende wartet
im Buch.

Das Mahlwerk

Leni hatte die Hand schon unter dem Wasserhahn gehabt, als sie sich entschied, nicht zu weinen. Das war ihr wichtig. Sie erzählte es ihrem Vater am Telefon, während er vor dem Schulhaus nach dem Schlüssel suchte.

„Es hat erst gar nicht wehgetan“, sagte sie. „Dann aber schon.“

Thomas klemmte das Telefon zwischen Schulter und Ohr. In seiner rechten Hand hielt er drei Schlüssel, von denen zwei für Vorhängeschlösser bestimmt waren. Der große musste passen. Er passte nicht.

„Man schüttet das Wasser zuerst in die Tasse. Dann das Pulver. Hab ich dir doch gezeigt.“

Am anderen Ende hörte er ein leises Reiben. Vermutlich ihr Finger auf der Tischplatte. Leni fuhr mit dem Nagel gern durch die Fugen des Küchentischs, wenn sie warten musste.

„Mama sagt, man soll das erst umrühren.“

„Der Wasserkocher ist schwer, wenn er voll ist. Du kannst ihn auch nur halb—“

„Papa.“

Der große Schlüssel ließ sich um eine halbe Drehung bewegen. Thomas zog am Griff. Hinter ihm wurden Autotüren zugeschlagen. Ein Hund bellte und wurde von einer Frau ermahnt, obwohl das Bellen durchaus vernünftig klang. Es war ein kalter, heller Donnerstag im Oktober. Die Buchen hatten genug Blätter verloren, dass man durch den Wald sehen konnte, und noch genug behalten, dass er freundlich wirkte.

„Ich hör dir zu“, sagte Thomas.

„Du sagst aber ganz viel.“

Er ließ den Türgriff los.

Es war genau die Art von Satz, die Kathrin seit Monaten zu ihm sagte, nur ohne das Gewicht der vorangegangenen Sätze. Thomas trat einen Schritt von der Tür zurück und setzte die Kiste mit den Messgeräten ab.

„Entschuldige. Erzähl.“

„Ich wollte sagen, dass ich nicht geweint hab.“

„Das war tapfer.“

„Ich hab bloß geheult, wie die Haut hochgegangen ist. Aber das war erst später.“

Thomas lächelte. Er stellte sich ihre Hand vor, braun vom Sommer, mit dem winzigen Muttermal zwischen Daumen und Zeigefinger. Er fragte, wo sie sich verbrannt habe. Auf der linken Handfläche, sagte Leni. Unten, bei dem dicken Teil. Mama habe ein Pflaster draufgetan, das sie beim Schwimmen wieder abmachen müsse.

„Sonntag, zehn“, sagte Thomas.

Sie antwortete nicht sofort.

„Weiß ich noch“, ergänzte er.

„Du kannst auch später kommen. Wir sind erst mal im kleinen Becken. Aber nicht ganz spät.“

„Ich bin da, bevor die aufmachen.“

Leni schwieg. Dann fragte sie, ob er ihr etwas erzählen wolle, das noch nicht fertig sei.

Früher war das ihre Frage gewesen. Darf ich dir was erzählen, das noch nicht fertig ist? Dann hatte sie von der Schule berichtet, von einer Idee für ein Buch oder davon, dass sie eine Freundin nicht mehr mögen wollte und es trotzdem tat. Thomas hatte zugehört, manchmal eine Viertelstunde, während Kathrin im anderen Zimmer den Geschirrspüler ausräumte. Seit der Trennung versuchte er, solche Gespräche zwischen zwei Terminen unterzubringen. Er hatte erst jetzt bemerkt, dass Leni die Frage nicht mehr stellte.

„Ich steh vor einer Schule und komm nicht rein“, sagte er.

„Bist du zu spät?“

„Um ein paar Jahre.“

Sie lachte. Das kurze, etwas zu laute Lachen, das sie von Kathrin hatte. Thomas sah zum Fenster neben der Tür. Im Glas lag ein schmaler Streifen Himmel, darunter sein Kopf und die dunkle Öffnung seines eigenen Mundes.

„Ist die schon alt?“

„Sehr. Hier ist früher ein ganzes Dorf gewesen.“

„Und jetzt?“

„Ist der Wald wiedergekommen.“

„Waren die Leute alle weg?“

„Nach und nach.“

„Gut“, sagte Leni. „Sonst wär das blöd gewesen.“

Hinter Thomas räusperte sich jemand. Eine kleine Frau stand mit zwei Stofftaschen auf dem Weg. Sie trug einen dunkelgrünen Anorak und hatte ein Auge zugekniffen, als falle ihr von der Seite Sonne ins Gesicht. Die Sonne war hinter dem Haus.

„Da müssen S’ ziehen, bevor S’ drehen“, sagte sie.

Thomas zeigte auf das Telefon und nickte. Er sagte Leni, er müsse Schluss machen. Sie gab ihm noch Kathrin, die die gleiche Uhrzeit nannte, etwas weniger freundlich.

„Ich hab’s aufgeschrieben“, sagte er.

„Das weiß ich.“

Es lag keine Bosheit darin. Kathrin konnte ihm Dinge sagen, die nach einem Vorwurf klangen, obwohl sie bloß den Stand der Dinge beschrieb. Das hatte ihn während ihrer Ehe wütend gemacht. Nun war er häufig wütend und hatte niemanden mehr, dem er es übelnehmen konnte.

✦

Das war erst der Anfang.

Die ganze Geschichte im Buch lesenEnthalten in „Grauen im Bayerischen Wald“ · ISBN 9798163611072
Originalcover Grauen im Bayerischen Wald von Stefan Schweizer

DAS BUCH · STEFAN SCHWEIZER

Der Wald bleibt.
Auch wenn du
weiterliest.

Fünf Horrorerzählungen über vertraute Orte, die ihre Regeln ändern. Über Stimmen, denen du glauben willst. Und über die Menschen, die du nicht zurücklassen kannst.

Ein Kreuzweg. Ein verlassenes Dorf. Dunkle Weiher. Eine Landstraße. Eine Wand aus weißem Quarz. Welchen Weg du auch nimmst: Das Grauen wartet bereits.

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