G / WSTEFAN SCHWEIZER
GRAUEN IM BAYERISCHEN WALD
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Atmosphärisches Motiv zu Der Weg hinter dem Rückspiegel
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ERZÄHLUNG 04 / 05 · Hinten ist noch ein Platz frei

Der Weg hinter dem Rückspiegel

Du fährst weiter. Er bleibt hinter dir.

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Nächtliche Landstraße · Doppelgänger · Fürsorge

Wem hilfst du, wenn du anhältst?

Eva kennt die Straßen des Bayerischen Waldes. Als ambulante Pflegekraft fährt sie auch nach Einbruch der Dunkelheit. Dann steht ein Mann mit einer Einkaufstüte am Straßenrand. Nach jeder Kurve ist er noch immer im Rückspiegel. Und irgendwann raschelt es auf der Rückbank.

LESEPROBE

04

Der Anfang.
Das Ende wartet
im Buch.

Der Weg hinter dem Rückspiegel

Als Eva an diesem Donnerstag ihren letzten Patienten verließ, saß noch niemand auf der Rückbank.

Später würde sie sich daran festhalten. Sie hatte Resis Kuchen hineingelegt, die Dose mit dem blauen Deckel. Daneben ihre Tasche, ein Paket Einmalhandschuhe und die zusammengefaltete Regenjacke. Der mittlere Gurt hing oben in seiner Halterung. Den rechten hatte sie unter die Tasche geklemmt, weil die lose Metallschnalle in den Kurven gegen die Tür schlug.

Sie wusste, wie ihr Auto klang. Das Ausrücklager sang im zweiten Gang, die Lüftung pfiff auf Stufe drei, und irgendwo hinter dem Handschuhfach wohnte seit dem letzten Winter ein kleines trockenes Rasseln. Lukas hatte behauptet, es sei eine Schraube. Eva hatte gesagt, dann habe die Schraube inzwischen Junge bekommen.

Zwölf Jahre ambulante Pflege machten aus einem Auto einen Raum, in dem man lebte. Eva kannte seinen Geruch besser als den ihrer Wohnung: Desinfektionsmittel, schwarzer Kaffee, die leicht süße Heizungsluft. Manchmal roch es nach einem Essen, das sie bei einem Patienten nicht hatte ablehnen können. Resi Fenzls Kuchen war noch warm gewesen.

„Nicht wieder im Fahren verschlingen“, hatte Resi gesagt. „Setz dich daheim hin. Teller. Gabel. Wie ein Mensch.“

Sie saß in ihrem Sessel, die geschwollenen Beine auf dem Hocker. Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt sie den Zettel, auf dem Eva die nächste Medikamentenbestellung notiert hatte. Resi brauchte den Zettel nicht; er war für die Tochter. Sie hielt ihn trotzdem fest, damit Eva noch blieb.

„Und fahr über die Mühle.“

Eva schloss die Tasche. „Das sind sieben Kilometer mehr.“

„Dann hörst du sieben Kilometer länger Radio.“

„Da reden sie bloß.“

„Dann bist du wenigstens nicht allein.“

Auf dem Schrank tickte eine Uhr unter einem Glassturz. Resis Blick war an Eva vorbei zur schwarzen Fensterscheibe gegangen.

„Ist Wild unterwegs?“, fragte Eva.

„Auch.“

„Da helfen die sieben Kilometer nicht. Letzte Woche stand mir bei der Mühle ein Reh vor dem Wagen.“

Resi faltete den Bestellzettel. Sehr ordentlich, Kante auf Kante.

„Dann fahr halt, wie du meinst.“

Eva kannte diesen Ton. Die Töchter der Patienten wurden ihm irgendwann ähnlich. Sie stritten über Stützstrümpfe, über den Rollator neben der Treppe, über Flüssigkeitsmengen und Treppenlifte, bis sie plötzlich einen Satz aussprachen, den sie von ihren Müttern gehasst hatten. Dann fahr halt, wie du meinst. Dann fall halt hin. Dann sterb halt.

Sie nahm Resis Hand, die trocken und erstaunlich heiß war.

„Morgen ist wieder die Kerstin dran. Die schimpft, wenn der Kuchen noch da ist.“

„Für die back ich keinen.“

Draußen drückte der Nebel die Geräusche an den Boden. Ein Hund bellte irgendwo oberhalb des Hofs, zweimal kurz, dann antwortete ihm weiter unten ein zweiter. Eva zog den Reißverschluss hoch und leuchtete mit dem Handy den Weg zum Auto aus. Die Stufen waren glitschig. In einem zerbrochenen Blumentopf sammelte sich Wasser.

Sie fuhr nicht über die Mühle.

Die Kalte Senke sparte elf Minuten. Zu Hause warteten ein Korb gewaschene Wäsche und eine Suppe, die sie zum zweiten Mal aufwärmen würde. Im Radio diskutierten zwei Männer darüber, ob man in den Schulen Handys verbieten sollte. Eva schaltete auf Musik. Dort kündigte jemand die besten Lieder zum Durchatmen an. Sie machte es aus.

Riedbrunn lag hinter ihr, ein paar Scheiben in den Rückspiegeln, dann nichts mehr. Die Straße stieg zwischen Wiesen an. Am letzten Hof hing eine rote Lichterkette um ein Scheunentor, obwohl Weihnachten noch sechs Wochen entfernt war. Eva lächelte. Die Kramers waren immer früh dran. Im Januar würde der Schnee ihre Plastikweihnachtsmänner bis zum Hals bedecken.

Der Wald begann unvermittelt. Links die alte Granitmauer, rechts der Entwässerungsgraben. Im Lichtkegel lagen Buchenblätter flach auf dem Asphalt. Die Birkenstämme am Straßenrand glitten vorüber wie vereinzelte Menschen, die sich abgewandt hatten.

Eva verlangsamte. Wild war hier tatsächlich oft unterwegs.

An der Kalten Senke berührten sich die Kronen zweier Fichten über der Straße. Zwischen ihren Stämmen blieb es nass, selbst im August. Im Winter bildete sich dort als Erstes Eis. Eva schaltete zurück.

Der Mann stand rechts, dicht hinter der weißen Begrenzung.

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