G / WSTEFAN SCHWEIZER
GRAUEN IM BAYERISCHEN WALD
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Atmosphärisches Motiv zu Die weiße Naht
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ERZÄHLUNG 05 / 05 · Der Stein erinnert sich

Die weiße Naht

Drei Schläge. Eine Pause. Dann deine Stimme.

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Familiengeheimnisse · Weißer Quarz · Körperhorror

Wie viel würdest du öffnen, um jemanden zurückzuholen?

Martin kehrt zurück, um mit seiner Schwester das Elternhaus auszuräumen. Eine alte Kassette bewahrt die Stimme des verschwundenen Großvaters. Am Pfahl antwortet der Quarz auf sein Klopfen. Als seine Hand sich verändert, wird aus Familiengeschichte eine offene Wunde.

LESEPROBE

05

Der Anfang.
Das Ende wartet
im Buch.

Die weiße Naht

Miriam hielt die Schere still, als Martin nach ihrem Nacken griff.

Er hatte nichts weiter vorgehabt. Ein Haarbüschel war unter ihren Kragen gefallen, und er wollte ihn wegnehmen. Sie saß nicht einmal auf dem Stuhl. Er saß darauf, mit einem schwarzen Umhang bis zu den Schuhen, und sie stand hinter ihm. Die ganze Bewegung war umständlich gewesen, eine ausgestreckte Hand am falschen Ort.

Trotzdem hielt sie die Schere plötzlich so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.

„Lass.“

Martin zog die Hand zurück.

Im Spiegel sah er seine Schwester. Das Haar war kürzer als bei der Beerdigung, an den Schläfen grau. Eine schmale helle Linie lief vom Ansatz über ihren Nacken und verschwand unter dem Kragen.

„Du hast da was.“

„Alte Narbe.“

Sie wischte den Büschel fort. Dann zog sie den Kragen hoch und strich mit der flachen Hand darüber, als müsse sie ein Preisetikett verdecken.

„Kopf gerade.“

Martin stellte den Kopf gerade.

Der Salon war montags geschlossen. An der Tür hing ein Schild mit dem freundlichen Versprechen, am Dienstag wieder für einen da zu sein. Draußen gingen Menschen mit Schirmen vorbei. Die Räder der Autos zogen dunkle Streifen durch den Regen. Ein Mann blieb vor dem Fenster stehen, las die Öffnungszeiten und ging weiter.

„Der Brief vom Gericht“, sagte Miriam. „Hast du den dabei?“

„Im Auto.“

„Gut.“

Die Schere arbeitete wieder.

Martin wusste nicht, seit wann seine Schwester eine Narbe am Nacken hatte. Er wusste auch nicht, seit wann sie mittags nichts mehr aß oder ob der Mann, von dem ihre Mutter vor einem Jahr gesprochen hatte, noch zu ihr gehörte. Er wusste, dass sie den Salon vor zwölf Jahren übernommen hatte. Dass der Kredit abbezahlt war, weil ihre Mutter es ihm erzählt hatte. Dass Miriam bei der Pflegeversicherung Widerspruch eingelegt und gewonnen hatte.

Er wusste ziemlich genau, was das Pflegebett gekostet hatte.

„Wie viel ab?“ fragte sie.

„Was meinst du?“

Sie sah ihn im Spiegel an. „Von den Haaren, Martin.“

„Ach so. Wie du meinst.“

Sie atmete durch die Nase aus. Es war kein Seufzen. Für einen Seufzer hätte sie sich mehr Zeit nehmen müssen.

✦

Das war erst der Anfang.

Die ganze Geschichte im Buch lesenEnthalten in „Grauen im Bayerischen Wald“ · ISBN 9798163611072
Originalcover Grauen im Bayerischen Wald von Stefan Schweizer

DAS BUCH · STEFAN SCHWEIZER

Der Wald bleibt.
Auch wenn du
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Fünf Horrorerzählungen über vertraute Orte, die ihre Regeln ändern. Über Stimmen, denen du glauben willst. Und über die Menschen, die du nicht zurücklassen kannst.

Ein Kreuzweg. Ein verlassenes Dorf. Dunkle Weiher. Eine Landstraße. Eine Wand aus weißem Quarz. Welchen Weg du auch nimmst: Das Grauen wartet bereits.

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