
ERZÄHLUNG 01 / 05 · Ein Kreuzweg ohne Ende
Die fünfzehnte Station
Nach vierzehn Stationen solltest du zu Hause sein.
Jetzt hineinlesen ↓Religiöser Horror · Verlorene Wege · Fremde Stimmen
Was, wenn der Weg schon weiß, was du als Nächstes tust?
Lukas kennt jeden Bildstock auf dem Kalvarienberg. Doch an diesem Karfreitag fehlt einem steinernen Mann das Gesicht. Auf dem Heimweg taucht eine fünfzehnte Station auf. Ihr Relief zeigt einen Jungen. Es zeigt Lukas.
LESEPROBE
01Der Anfang.
Das Ende wartet
im Buch.
Die fünfzehnte Station
Als Lukas die vierzehnte Kerze aus der Nische nahm, war der Mann auf dem Stein noch blind.
Er hielt die Kerze schräg, damit ihm das warme Wachs nicht über die Finger lief, und sah genauer hin. Der Mann stand am Fuß des Grabes. Er trug ein langes Gewand, hatte einen Rücken wie einen Kartoffelsack und umfasste die Beine des toten Jesus. Wo sein Gesicht sein sollte, war eine flache, helle Mulde.
Lukas kannte das Relief. Er kannte alle vierzehn.
Beim Aufstieg hatte er hier den rechten Schuh gebunden. Im vergangenen Jahr hatte er während des letzten Gebets eine Ameise beobachtet, die über den Mund dieses Mannes gekrochen war. Er erinnerte sich daran, weil sie mit etwas Weißem zwischen den Zangen davongelaufen war und er nicht gewusst hatte, ob es ein Krümel oder ein Ei gewesen war.
Damals hatte der Mann einen Mund gehabt.
Jetzt war dort nichts.
Hinter Lukas schlug eine Autotür. Stimmen wanderten über den Vorplatz der Kapelle. Jemand hustete so heftig, dass eine Frau sagte, er solle sich endlich untersuchen lassen.
„Herr Wimmer?“
Der Mesner kam um die Säule herum. Er hatte die Kapellentür abgeschlossen und hielt den Schlüsselbund noch in der Hand.
„Was?“
„Da fehlt das Gesicht.“
Wimmer sah nicht sofort hin. Erst betrachtete er Lukas, dann die Kerze, dann den Stein.
„Frost.“
„Das war vorher noch da.“
„Der Frost sprengt den Sandstein. Haben wir jedes Jahr.“
Lukas trat zur Seite, um ihm die Mulde zu zeigen. Sie sah nicht abgesprengt aus. Ihre Ränder waren weich, als hätte jemand einen Daumen in nassen Lehm gedrückt.
Wimmer zog ihm die Kerze aus der Hand.
„Die anderen auch.“
Lukas gab ihm die drei Kerzenstummel aus seiner Jackentasche. Der kleinste war noch warm. Er hatte ein Stück davon unter den Fingernagel bekommen.
Vom Vorplatz rief Frau Schober, ob noch jemand mit ins Dorf fahren wolle.
„Ich geh untenrum“, sagte Lukas.
Wimmer schob die Kerzen in einen Leinenbeutel. Seine Finger waren dick und dunkelrot von der Kälte.
„Über die Zufahrt.“
„Ich nehm die Abkürzung.“
Der Mesner hob den Kopf.
Lukas wartete. Es war die Art Pause, in der Erwachsene gewöhnlich nach einem Grund suchten, weshalb etwas nicht erlaubt war.
„Deine Mutter weiß, dass du kommst?“
„Ja.“
„Dann geh.“
Wimmer sagte es leise.
Lukas zog die Jacke über seinem Ministrantengewand zu. Der weiße Stoff schaute unten heraus und berührte fast seine Knie. Er hätte sich in der Sakristei umziehen können, aber dort waren die anderen Jungen gewesen, und Simon hatte wieder gefragt, ob sein Vater jetzt eine neue Familie habe.
Dreimal.
Beim dritten Mal hatte Lukas gesagt, er solle die Klappe halten.
Jetzt wollte er nur noch heim.
Er ging zwischen den beiden letzten Bildstöcken hindurch zum Wald. An der ersten Fichte blieb er kurz stehen und schüttelte Wachs von seinem Finger.
Wimmer stand noch immer bei der vierzehnten Station.
Von dort konnte er Lukas nicht sehen.
Trotzdem sagte er: „Wenn du jemanden hörst, bleib auf dem Weg.“
Lukas dachte, er habe sich verhört.
Dann knackte ein Ast unter seinem Schuh, und vom Parkplatz fuhr das letzte Auto ab.
Das war erst der Anfang.
Die ganze Geschichte im Buch lesenEnthalten in „Grauen im Bayerischen Wald“ · ISBN 9798163611072
DAS BUCH · STEFAN SCHWEIZER
Der Wald bleibt.
Auch wenn du
weiterliest.
Fünf Horrorerzählungen über vertraute Orte, die ihre Regeln ändern. Über Stimmen, denen du glauben willst. Und über die Menschen, die du nicht zurücklassen kannst.
Ein Kreuzweg. Ein verlassenes Dorf. Dunkle Weiher. Eine Landstraße. Eine Wand aus weißem Quarz. Welchen Weg du auch nimmst: Das Grauen wartet bereits.
Alle fünf Geschichten bei AmazonISBN 9798163611072
Preis und Verfügbarkeit direkt bei Amazon ansehen.